17. Juli 2026
Reverse Culture Shock- Wenn die Rückkehr schwieriger erscheint als das Ankommen

Reverse Culture Shock- Wenn die Rückkehr schwieriger erscheint, als das Ankommen
Manchmal ist es nicht der eigene Wille, der einen zurück in sein Ursprungsland leitet. Viele Faktoren hängen von einer Auswanderung ab. Unser Wille ist nur einer davon. Darüber hinaus gibt es diejenigen, die ganz unerwartet in einen reverse culture shock hineinrutschen. Wie das alles zusammenhängt, das klären wir in diesem Artikel.
Was kann ich tun, um die Umstellung auf das „alte Zuhause zu meistern?
Dieser Blogartikel ist für mich ein sehr persönlicher Artikel. Aus eigener Erfahrung heraus habe ich erleben dürfen, wie unerwartet ein „reverse culture shock“ auf einen warten kann. Klären wir dafür zunächst, was der Begriff „Kulturschock“ und „reverse culture shock“ eigentlich bedeutet:
„Allgemein bezeichnet der Begriff Kulturschock (Oberg, 1960; Wagner, 1996) die Schwierigkeiten, die mit der Anpassung an eine neue kulturelle Umwelt verbunden sind. Die Konfrontation mit dem Unbekannten löst oft eigene unerwartete Reaktionen aus, die zu Studienschwierigkeiten und privaten Problemen führen können. Eine genauere Kenntnis dieser Prozesse kann aber helfen, den Kulturwechsel erfolgreicher zu bewältigen.“ (uni-wuppertal, 2026).
Die 5 Phasen eines Kulturschocks nach Oberg habe ich auf meinem Instagram-Account (yourmindzhealth) genauer beschrieben. Bei einem „reverse culture shock“ steckt dann noch das Wort „reverse“ (engl. für umkehren) mit drin. Inhaltlich besteht der reverse culture shock daher aus dem „umgekehrten Kulturschock“. Die Person, die zunächst in einem anderen Land gelebt hat kommt geplant oder ungeplant, gewollt oder nicht gewollt, zurück in ihr Ursprungsland.
Viele Menschen erwarten, dass die Rückkehr ins Heimatland nach einem längeren Auslandsaufenthalt einfach und erleichternd ist. Doch die Realität sieht oft anders aus: Der reverse culture shock beschreibt daher die psychische Belastung, die entsteht, wenn vertraute Strukturen plötzlich fremd wirken. Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Rückkehrer betroffen ist – mit teils gravierenden Folgen für die psychische Gesundheit.
In meiner eigenen Erfahrung habe ich, trotz geplantem Rückzug, mich innerlich verändert gefühlt. Durch die Lernerfahrungen, die ich in Spanien gemacht habe, die mir zunächst fremd waren- erfuhr ich nun die Kultur in meinem Ursprungsland als fremd. Dabei spielten sowohl meine eigene Wahrnehmung, als auch allgemein bekannte gesellschaftliche Vorurteile eine große Rolle. So ist es zum Beispiel oft in der Mode zu sagen, dass „die Deutschen zurückhaltender und verschlossener“ seien. „Die Spanier hingegen seien herzlich und offen“. Diese im Leben aufgeschnappten Vorurteile und die Tatsache, dass ich mich sehr wohl in Spanien gefühlt habe, brachten mich dazu, dass ich ab Tag 1 der Rückkehr wie ein Röntgengerät das Verhalten aller Deutschen, die mir begegneten, überprüfte. Kam mir einer freundlich, habe ich es nicht registriert. Kam mir jemand unfreundlich, dann kam „der Röntgenstrahl bei mir durch“ und in meinem Gehirn klickte ein Raster zur Bestätigung meines Vorurteils.
Dieses Phänomen ist wissenschaftlich erklärbar. So, wie bei einem Kulturschock der Mensch in einem neuen Umfeld anfangs dauerhaft gestresst ist ( die Amygdala feuert und Nervensystem in Hochbereitschaft), so passiert es, dass wir denken wir seien dauerhaft in Gefahr durch die Veränderung. Unser Gehirn liebt gewohnte Abläufe und Regeln, da es so weniger Leistungskapazität benötigt, um zu funktionieren. Nun steht alles Kopf und das Gehirn versucht alle Informationen, Regeln und Dinge, die wir bis dahin gelernt haben, mit der aktuellen Situation abzugleichen. Dieses, um ursprünglich das Überleben zu sichern und zum Kampf oder zur Flucht bereit zu sein. Obere Schublade der Vorurteile über Deutsche, Franzosen, Russen etcetc aufmachen, ein „hat sich bestätigt“ abholen, Schublade zu- und das Gehirn ist vermeintlich wieder in seinem Gleichgewicht. Leider entspricht das dann eben nicht unbedingt der Wahrheit…
Egal, ob die Vorurteile nun bestätigt werden oder nicht, sobald wir eine Dissonanz ( Ungleichgewicht) zwischen unserer Umwelt und unser Innenleben wahrnehmen, reagieren wir mit Stress. Stress, wenn „die Deutschen wirklich so unfreundlich sind“ und Stress, wenn wir die Situation trotz aller Kraft nicht einschätzen können.
Bei mir war es die Tatsache, dass ich bevor ich nach Spanien ging, meine Psychotherapieausbildung abgeschlossen habe und einen Tag später bei einem Arztzentrum anfing zu arbeiten, dass von mir erwartete ich solle bei einer 30-Stundenwoche 27 PatientInnen behandeln. Absolut nicht machbar, wenn man alle Bürotätigkeit etc mit einplant und dabei noch tatsächlich Psychotherapie mit Qualitätsanspruch abhalten will. Ich ging also einen komplett neuen Weg und arbeitete in Spanien in einem Wohnprojekt für deutsche Schulverweigerer. Sechs Monate später kam ich leider zu dem Entschluss, dass es aus verschiedenen Gründen nicht mehr umsetzbar war. Ich musste also zumindest erstmal nach Deutschland zurück. „Ist ja nicht für immer, in ein paar Monaten komm ich wieder zurück-dachte ich.
So oder so ähnlich, wie mir, geht es zwischen „40–92 % der Rückkehrern. Sie berichten Symptome von Re-Entry Stress oder Reverse Culture Shock. Die Intensität hänge dabei von Faktoren, wie der Länge des Aufenthaltes, der persönlichen kulturellen Anpassung und der veränderten Situation im Ursprungsland ab (Ward et al., 2001; Searle & Ward, 1990). Verständlich, da die Situation, die mich in meinem alten Zuhause erwartet natürlich Einfluss darauf hat; wie ich mich psychisch fühlen werde. Symptome treten oft in den ersten 3–6 Monaten nach der Rückkehr auf, können aber bis zu einem Jahr anhalten.
Und welche Folgen hat das unter Umständen für die Psyche?

Der Reverse Culture Shock ist kein eigenständiges Krankheitsbild, kann aber psychische Störungen begünstigen:
- Anpassungsstörungen: Gefühle von Entfremdung, Identitätskonflikte, sozialer Rückzug. In der Diagnose ist die Anpassungsstörung eigentlich eine zeitlich begrenzte Reaktion wie bei zb. Depressionen. Nur, dass diese auf eine genau eingrenzbare Auslösersituation ( Remigration, Rückzug Ursprungsland) zurückzuführen ist.
Depressionen: Traurigkeit, Schuldgefühle, Verlust von Routinen und Beziehungen. Wenn die Symptome länger bestehen, dann wird von einer Depression gesprochen.
Angststörungen: Unsicherheit im Umgang mit sozialen Normen, soziale Ängste können auftreten.
PTBS-Symptome: Besonders bei Rückkehrern aus Krisengebieten oder nach erzwungener Migration.
Somatisierungsstörungen: Schlafprobleme, Kopfschmerzen, Verdauungsbeschwerden – Ausdruck erhöhter Stressbelastung.
An dieser Stelle muss gesagt werden, dass ein großer Risikofaktor gegeben ist, wenn man in seinem Leben schon einmal unter einer psychischen Störung gelitten hat. Bei trockenen Alkoholikern oder Patienten, die schon vorher unter Depressionen oder Ängsten litten, ist die Gefahr gegeben, dass Rückfälle erlitten werden. Das ist natürlich nicht zwangsläufig so, aber wie bei einem Kulturschock ist der Körper und die Psyche in einem zunächst dauerhaften Alarmzustand. Daher sollten vor allem diejenigen, die in ihrer Vergangenheit in einem Bereich Schwierigkeiten hatten, den Rückzug in die alte Heimat gut planen und sich rechtzeitig Hilfe holen.
Der man verliert Routinen und Netzwerke, ohne dass etwas „endgültig“ vorbei ist.
Grundsätzlich hinzukommende, die Phase erschwerende Faktoren sind:
1) Identitätskonflikte: Das Selbstbild hat sich im Ausland verändert, kollidiert aber mit Erwartungen im Heimatland.
2) Neurobiologische Belastung**: Dysregulation des Stresssystems (HPA-Achse), erhöhte Cortisolwerte
3)Soziale Konflikte: Familie und Freunde erwarten „den Alten“, während die Rückkehrer sich verändert fühlen.
Was kann ich tun, um mich und meine Familie zu schützen?
Prävention und Intervention vor der Rückkehr :
-Psychoedukation: Aufklärung über mögliche Symptome. Diesen Punkt bearbeiten sie schon, in dem sie sich (zb. Durch das Lesen dieses Blogbeitrags) mit dem Thema befassen und sich Zeit geben an den Gedanken der Heimkehr zu gewöhnen.
- Netzwerke aufbauen: Kontakt zu Rückkehrergruppen oder Mentoren. Ebenso natürlich mit alten und/oder neuen Freunden und Familie sprechen. Frei nach dem Motto: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“.
Nach der Rückkehr: Wenn Sie das Gefühl haben, dass sie die Situation überfordert, dann kann ich wirklich nur den Rat geben sich rechtzeitig Hilfe zu holen. Auch hier kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass ich mir Hilfe geholt habe und benötigte. In einer Psychotherapie ist der Raum Scherz, Trauer und alle anderen Gefühle zuzulassen und gemeinsam weiterzugehen. Es passiert schnell, dass man nur noch auf die aktuelle Situation schaut und aus den Kopf verliert, dass man Selbst die Zügel in der Hand hat seine eigene Zukunft weiter zu gestalten. Die ersten Schritte tun weh, aber die nächsten werden größer. Und dann kommt der Tag, an dem man merkt, dass man nichtmehr dauerhaft nach Hinten geschaut hat, sondern auch aus dem „Nach vorne“ etwas ziehen kann, was einen glücklich machen wird.
Von daher bitte wirklich gut auf sich Selbst achten und gegebenenfalls die Hilfe, wenn auch nur ganz kurz, annehmen.
- Psychotherapie:
- Kognitive Verhaltenstherapie zur Emotionsregulation.
- Systemische Ansätze zur Bearbeitung von Rollen- und Identitätskonflikten.
- Körperorientierte Verfahren (Achtsamkeit, Atemübungen).
- Soziale Integration: Austauschgruppen, Peer-Support, berufliche Anerkennung der Auslandserfahrung. Auch das kann schon sehr viel helfen.
Der wichtigste Punkt ist allerdings Selbstfürsorge: versuchen sich seine Alltagsroutinen (wieder zu) erschaffen, Sport als Ausgleich für den Umgang mit belastenden Emotionen und Situationen, gesunde Ernährung, kreative Aktivitäten. Hier ist alles richtig, was sich richtig anfühlt.
Bitte passen Sie auf sich auf.
Mit herzlichen Grüßen,
Jessica Greve
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (VT) | Sozialpädagogin (M.A.)
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Literaturverzeichnis
1. Searle, W., & Ward, C. (1990). The prediction of psychological and sociocultural adjustment during cross-cultural transitions. International Journal of Intercultural Relations.
2. Ward, C., Bochner, S., & Furnham, A. (2001). The Psychology of Culture Shock. Routledge.
3. Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1984). Stress, Appraisal, and Coping. Springer.
4. Cernigoj, A. (2025). Reacculturation: Individual, Intergroup, and Sociocultural Determinants of Re-Entry Stress. Victoria University of Wellington.
5. ScienceDirect (2024). Systematic literature review of factors influencing reacculturation after returning home from a stay abroad.
6. Kalervo Oberg: Cultural Shock: Adjustment to New Cultural Environments. In: Practical Anthropology, 7/4 1960, S. 177–182.
7. Blog de Psicoterapia (2026). Tratar el choque cultural inverso en el retorno migrante hoy.
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