← Zurück zum Blog

6. Juli 2026

Warum ich den Begriff „Expat“ verwende – und warum das für mich kein Gegensatz zu „Migrant“ ist

Warum ich den Begriff „Expat“ verwende – und warum das für mich kein Gegensatz zu „Migrant“ ist

Jessica Greve | Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (VT), Sozialpädagogin (M.A.)

 

 

Wer Menschen begleitet, die ihre Heimat verlassen haben, begegnet früher oder später einer Diskussion, die weit über Sprache hinausgeht:

 

Sollte man von Expats oder von Migranten sprechen?

 

Auch ich habe mich mit dieser Frage intensiv auseinandergesetzt. Nicht nur aus persönlichem Interesse, sondern auch aus fachlicher Verantwortung.

 

Als approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Coach begleite ich Menschen, die außerhalb ihres Heimatlandes leben – unabhängig davon, ob sie aus beruflichen, familiären, persönlichen oder wirtschaftlichen Gründen ausgewandert sind.

 

Nach intensiver Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Literatur und den gesellschaftlichen Debatten habe ich mich bewusst dafür entschieden, den Begriff Expat zu verwenden.

 

Warum ich mich für diesen Begriff entschlossen habe, dass möchte ich in diesem Artikel transparent erklären.

 

Was bedeuten „Migration“ und „Expat“ eigentlich?

 

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Definition zunächst erstaunlich eindeutig.

 

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) beschreibt Migration als die Bewegung von Personen über internationale Grenzen oder innerhalb eines Staates mit einer Veränderung des gewöhnlichen Aufenthaltsortes (IOM, 2024).

 

Ein Migrant ist damit zunächst nichts anderes als ein Mensch, der seinen Lebensmittelpunkt verlagert.

 

Der Begriff Expat stammt dagegen aus dem Lateinischen (ex patria) und bedeutet wörtlich:

 

außerhalb des Heimatlandes lebend.

 

Der ursprüngliche Begriff enthält keinerlei Aussage über:

 

Herkunft,

Hautfarbe,

Einkommen,

Bildungsgrad oder

Aufenthaltsgrund

 

 

Rein sprachlich könnten deshalb alle Menschen, die außerhalb ihres Heimatlandes leben, als Expats bezeichnet werden.

 

Warum der Begriff „Expat“ heute kritisch diskutiert wird

 

Die gesellschaftliche Verwendung hat sich jedoch anders entwickelt als die ursprüngliche Bedeutung.

 

Mehrere sozialwissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass Expat heute häufig für Menschen aus westlichen Industrienationen verwendet wird, die freiwillig, gut ausgebildet und meist beruflich ins Ausland gehen.

 

Menschen aus wirtschaftlich schwächeren Ländern werden dagegen wesentlich häufiger als Migranten bezeichnet – selbst dann, wenn sie objektiv denselben Schritt gegangen sind: Sie leben außerhalb ihres Heimatlandes.

 

Diese unterschiedliche Sprachverwendung wird von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern seit Jahren kritisch diskutiert.

 

Nicht, weil der Begriff Expat problematisch wäre.

 

Sondern weil seine gesellschaftliche Verwendung teilweise bestehende Machtverhältnisse widerspiegeln kann (Fechter & Walsh, 2010; Kunz, 2016).

 

Psychische Gesundheit kennt keine Herkunft!

 

Aus psychotherapeutischer Sicht stellt sich jedoch eine ganz andere Frage.

 

Nicht:

 

Wie nennen wir Menschen?

 

Sondern:

 

Wie geht es ihnen?

 

Psychische Erkrankungen treten weltweit in allen Gesellschaften, allen Kulturen und allen sozialen Schichten auf.

 

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation lebt weltweit etwa jeder achte Mensch mit einer psychischen Erkrankung (WHO, 2022).

 

Depressionen, Angststörungen oder Anpassungsstörungen unterscheiden nicht zwischen

 

Akademikerinnen und Akademikern,

Facharbeitern,

Unternehmern,

Studierenden,

Menschen mit Fluchterfahrung oder

internationalen Fachkräften.

 

Psychische Gesundheit kennt weder Nationalität noch sozialen Status.

 

Unterschiede bestehen vielmehr darin, wie leicht Menschen Zugang zu Unterstützung erhalten.

 

Gerade deshalb ist es aus meiner Sicht wichtig, dass psychologische Hilfe möglichst viele Menschen erreicht – unabhängig davon, welchen Begriff sie für sich selbst verwenden.

 

Was die Forschung über das Leben im Ausland zeigt

 

Interessanterweise zeigt die psychologische Forschung, dass nicht die Migration selbst der entscheidende Belastungsfaktor ist.

 

Die größten Herausforderungen entstehen häufig nach der Ankunft.

 

Die Forschung spricht hier von postmigratorischen Stressoren.

 

Dazu gehören beispielsweise:

 

Einsamkeit,

der Verlust sozialer Netzwerke,

Sprachbarrieren,

kulturelle Unterschiede,

Identitätsfragen,

Diskriminierung,

Heimweh,

Veränderungen familiärer Rollen oder

Schwierigkeiten, in der neuen Gesellschaft anzukommen.

 

Diese Belastungen erhöhen nachweislich das Risiko für Depressionen, Angststörungen oder Anpassungsstörungen (Bhugra, 2004; Miller & Rasmussen, 2017).

 

Die Migration selbst macht also nicht krank.

 

Vielmehr entscheidet die Zeit danach häufig darüber, wie gut Menschen psychisch mit ihrem neuen Leben zurechtkommen.

 

Warum soziale Netzwerke so wichtig sind

 

Einer der stärksten Schutzfaktoren für psychische Gesundheit ist soziale Unterstützung.

 

Menschen, die nach ihrer Auswanderung tragfähige Beziehungen aufbauen, erleben durchschnittlich weniger Einsamkeit, weniger psychische Belastung und eine höhere Lebenszufriedenheit (Cohen & Wills, 1985).

 

Gerade Kontakte zu Menschen mit ähnlichen Erfahrungen können dabei sehr hilfreich sein.

 

Sie verstehen ohne viele Erklärungen, wie es sich anfühlt,

 

zwischen zwei Kulturen zu leben,

Heimweh zu erleben,

in einer Fremdsprache zu funktionieren oder

sich gleichzeitig zuhause und fremd zu fühlen.

 

Solche Netzwerke vermitteln Zugehörigkeit und können den Anpassungsprozess erheblich erleichtern.

 

Gleichzeitig gelingt Integration nicht in Isolation

 

Ebenso deutlich zeigt die Forschung jedoch einen zweiten wichtigen Aspekt.

 

Wer dauerhaft ausschließlich innerhalb der eigenen Community bleibt, hat häufig größere Schwierigkeiten, sich in der neuen Gesellschaft wirklich zuhause zu fühlen.

 

Der kanadische Psychologe John W. Berry beschreibt dies in seinem weltweit anerkannten Akkulturationsmodell.

 

Die günstigste Form der Anpassung nennt er Integration.

Sie bedeutet:

         Image by: regency.girl123                                                                                                         

Die eigene kulturelle Identität darf erhalten bleiben.

 

Gleichzeitig entstehen Beziehungen zur neuen Gesellschaft.

 

 

Menschen, denen dieser Balanceakt gelingt, berichten langfristig von höherem Wohlbefinden und besserer psychischer Gesundheit als Menschen, die sich vollständig isolieren oder ihre Herkunft vollständig aufgeben (Berry, 1997; Berry, 2005).

 

Gerade dieser Spagat ist jedoch eine enorme Herausforderung.

 

Man möchte Anschluss an Menschen finden, die dieselben Erfahrungen machen.

 

Und gleichzeitig möchte man wirklich Teil der neuen Gesellschaft werden.

 

Psychologische Begleitung kann helfen, diesen Weg bewusst zu gestalten – ohne dabei in Einsamkeit oder Überforderung zu geraten.

In den bisherigen Abschnitten habe ich einiges an Hintergrund- Wissen und meinen Entscheidungsweg beschrieben. Dabei bin ich zunächst auf die Begriffe und deren Bedeutung eingegangen und habe den missbräuchlichen Gebrauch geschildert. Danach bin ich auf die Vielzahl von Gemeinsamkeiten eingegangen, die „Expats“ oder „Migranten“ haben. Nun möchte ich gerne schildern, warum ich mich als Psychotherapeutin und Coach dazu entschieden habe den Begriff „Expat“ zu verwenden.

 

Warum ich mich trotzdem bewusst für den Begriff „Expat“ entschieden habe:

 

Nach all diesen Überlegungen stellte sich mir die Frage: Wie kann ich alle Auswanderer, egal welchen Bildungsstands, Nationalitäten und individuellen Lebenswegen inkludierend und mit Abgrenzung zu rassistischem Labeling ansprechen? Ansprechen, ohne auszugrenzen aber auch mit Benennung und dem Vermitteln von Wertschätzung meiner Adressaten?

 

Warum verwende ich auf meiner Website und in meiner Arbeit trotzdem den Begriff Expat?

 

Dafür gibt es drei Gründe.

 

Erstens: Weil der ursprüngliche Begriff niemanden ausschließt.

 

Der lateinische Ursprung beschreibt schlicht einen Menschen außerhalb seines Heimatlandes.

 

Nicht mehr.

 

Nicht weniger.

 

Ich möchte den Begriff wieder in genau dieser ursprünglichen Bedeutung verwenden.

 

Zweitens – und das ist für mich der wichtigste Grund:

 

Ich möchte den Begriff Expat nicht exklusiv verwenden.

 

Ich möchte ihn bewusst inklusiv verwenden.

 

Wenn wir akzeptieren würden, dass Expat ausschließlich privilegierten Menschen vorbehalten ist, würden wir genau jene gesellschaftliche Trennung fortführen, die heute vielfach kritisiert wird.

 

Ich möchte das Gegenteil.

 

Ich möchte den Begriff wieder für alle öffnen.

 

Denn psychische Gesundheit macht keinen Unterschied zwischen Herkunft, Hautfarbe, Einkommen oder Bildungsgrad.

 

Warum sollten wir es dann tun?

 

Für mich beschreibt Expat jeden Menschen, der außerhalb seines Heimatlandes lebt.

 

Unabhängig davon, ob er aus Deutschland nach Kanada gezogen ist, aus Brasilien nach Spanien, aus Nigeria nach Großbritannien oder aus Indien nach Australien.

 

Drittens: Weil meine Zielgruppe mich so findet.

 

Ich arbeite überwiegend mit deutschsprachigen Menschen, die weltweit leben.

 

Im deutschsprachigen Raum wird der Begriff Migration im öffentlichen Diskurs häufig mit Zuwanderung nach Deutschland verbunden (Foroutan, 2019; SVR, 2023).

 

Viele Deutsche, Schweizer oder Österreicher, die selbst ausgewandert sind, würden deshalb vermutlich nicht nach einer „Psychotherapeutin für Migranten“ suchen – obwohl sie aus wissenschaftlicher Sicht selbstverständlich ebenfalls migriert sind.

 

Meine Entscheidung ist deshalb auch eine kommunikative.

 

Ich möchte dort gefunden werden, wo Menschen tatsächlich nach Unterstützung suchen.

 

Wen ich begleite

 

Ich begleite Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben.

 

Menschen, die zwischen Kulturen leben.

 

Menschen, die ihre Heimat vermissen.

 

Menschen, die sich ein neues Zuhause aufbauen möchten.

 

Menschen, die manchmal stark sind – und manchmal erschöpft.

 

Ich begleite Auswanderer, Expats und Migranten gleichermaßen.

 

Nicht weil ich Unterschiede zwischen ihnen sehe.

 

Sondern weil ich sie vor allem in ihrer gemeinsamen menschlichen Erfahrung sehe.

 

Die einzige Gruppe, bei der ich häufig eine Weitervermittlung empfehle, sind Menschen mit schweren Flucht- und Kriegstraumata. In diesen Fällen reichen Online-Coaching oder Online-Psychotherapie häufig nicht aus. Internationale Leitlinien empfehlen dann möglichst eine spezialisierte traum-therapeutische Behandlung vor Ort – idealerweise in der Muttersprache oder mit professioneller Sprachmittlung (WHO, 2022; NICE, 2018).

 

Mein persönliches Fazit

 

Ich verwende den Begriff Expat nicht, um Menschen voneinander abzugrenzen.

 

Ich verwende ihn, um möglichst viele Menschen anzusprechen, die außerhalb ihres Heimatlandes leben und psychologische Unterstützung suchen.

 

Für mich sind Expat, Auswanderer und Migrant keine Begriffe unterschiedlicher Wertigkeit.

 

Sie beschreiben Menschen mit einer gemeinsamen Erfahrung:

 

Sie haben ihre Heimat verlassen und versuchen, an einem neuen Ort ein Zuhause zu finden.

 

Genau diesen Menschen möchte ich mit meiner Arbeit begegnen – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Pass, Sprache, Einkommen oder sozialem Status. Denn jeder Mensch verdient Zugang zu psychologischer Unterstützung, wenn das Leben zwischen zwei Welten zur Herausforderung wird. Ich freue mich an ihrer Seite zu sein.

 

Herzlichst,

 

Jessica Greve

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (VT) | Sozialpädagogin (M.A.)

yourmindzhealth.com

 

SEO: Expat Psychologin, Expat Psychotherapie, Expat Coaching, Psychologin im Ausland, Deutsche Psychotherapeutin online, Therapie auf Deutsch im Ausland, Psychotherapie für Auswanderer, Coaching für Auswanderer, Psychotherapie für Deutsche im Ausland, Deutsche Psychologin online, Online Psychotherapie Ausland, Psychotherapie weltweit,Psychologische Hilfe im Ausland, Mental Health Expat, Expat Mental Health

 

 

 

 

Literatur

 

Berry, J. W. (1997). Immigration, acculturation, and adaptation. Applied Psychology, 46(1), 5–34. https://doi.org/10.1111/j.1464-0597.1997.tb01087.x

 

Berry, J. W. (2005). Acculturation: Living successfully in two cultures. International Journal of Intercultural Relations, 29(6), 697–712. https://doi.org/10.1016/j.ijintrel.2005.07.013

 

Bhugra, D. (2004). Migration and mental health. Acta Psychiatrica Scandinavica, 109(4), 243–258. https://doi.org/10.1046/j.0001-690X.2003.00246.x

 

Cohen, S., & Wills, T. A. (1985). Stress, social support, and the buffering hypothesis. Psychological Bulletin, 98(2), 310–357. https://doi.org/10.1037/0033-2909.98.2.310

 

Fechter, A.-M., & Walsh, K. (2010). Examining 'Expatriate' continuities and discontinuities: Postcolonial approaches to mobile professionals. Journal of Ethnic and Migration Studies, 36(8), 1197–1210. https://doi.org/10.1080/13691831003687667

 

Foroutan, N. (2019). Die postmigrantische Gesellschaft: Ein Versprechen der pluralen Demokratie. transcript Verlag.

 

International Organization for Migration. (2024). World Migration Report 2024. International Organization for Migration.

 

Kunz, S. (2016). Privileged mobilities: Locating the expatriate in migration scholarship. Geography Compass, 10(3), 89–101. https://doi.org/10.1111/gec3.12253

 

Miller, K. E., & Rasmussen, A. (2017). The mental health of civilians displaced by armed conflict: An ecological model of refugee distress. Epidemiology and Psychiatric Sciences, 26(2), 129–138. https://doi.org/10.1017/S2045796016000172

 

National Institute for Health and Care Excellence. (2018). Post-traumatic stress disorder (NG116).

 

Sachverständigenrat für Integration und Migration. (2023). Jahresgutachten 2023. Krisenzeiten – Migrationspolitik unter Druck.

 

Ward, C., Bochner, S., & Furnham, A. (2001). The Psychology of Culture Shock (2nd ed.). Routledge.

 

World Health Organization. (2022). World Mental Health Report: Transforming Mental Health for All.

 

Images:

 https://pixabay.com/de/users/regencygirl123-5268654/ (06.07.26)

https://pixabay.com/photos/city-berlin-haze-people-bridge-5104205/ (06.07.26)